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Tünkram

 

Merkt ihr was?

Kein Massaker in Račak, kein Hufeisenplan in Belgrad, keine 9/11-Attentäter in Afghanistan, keine Massenvernichtungswaffen im Irak, keine Islamisten hinter den Londoner Anschlägen, kein Völkermord in Darfur, keine Judenverfolgung im Iran, kein Atomwaffenprogramm in Teheran...  

Merkt ihr was? 

Wie im ganzen Kalten Krieg: Presse, Fernsehen, die Herrschenden – sie  verarschen uns.

T:I:S, 5. Dezember 2007

*

Reiche viel reicher als im Jahr 2000

Seit 2000, offenbar bis 2006*, sind Sie ärmer geworden, es sei denn, Sie hatten Vermögen. Und die Reichen sind viel viel reicher geworden.

- Entwicklung des Volkseinkommens:
- Arbeitnehmerentgelte: + 4%
- Unternehmens- und Vermögensgewinne: + 42%

- Hauhaltseinkommen aus Vermögen: + 22%
- Haushaltseinkommen aus Arbeitnehmerentgelten: + 9%
- Verbraucherpreise: + 10%
- Konsumausgaben der Privathaushalte: + 2,4%

- Primäreinkommen der Kapitalgesellschaften: + 443%
- Kapitalertragssteuer (seit 2000) - 6%
- Kapitalertragssteuer (seit 2001) - 35%

*Zusammenstellung von Jens Berger aus dem Jahresgutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwickung 2007/2008

T:I:S, 9. November 2007

*

Der Mammon*

oder

Woher nimmt die Europäische Zentralbank plötzlich 40 Milliarden Euro?

Die Europäische Zentralbank nimmt das Geld aus dem Nichts. Das klingt unglaublich, ist aber wahr und wird hier schrittweise erklärt.

3. Folge

Gratis-Kredit und Absatzsicherung durch Geldschöpfung

Die Tagelöhnerin, wie in der 2. Folge beschrieben, vertraut darauf, daß sie für ihren Lederstückchen-Lohn Nähnadeln im Kramladen des Gutsherrn bekommen wird. Die Lederstückchen sind etwas, worauf sie vertraut - auf Aramäisch oder Arabisch aman, Mammon, also Geld. Vielleicht steckt sie ein paar Lederstückchen in den Sparstrumpf, für später. Der Gutsherr verfügt derweil über die Früchte ihrer Arbeit und muß die Frau real erst entlohnen, wenn sie die Lederstücke im Laden gegen Nähnadeln einlöst; er hat sich bei der armen Frau einen Kredit geholt vom Lateinischen credere, das heißt glauben oder vertrauen.  Er ist bei ihr in der Schuld, in gleicher Höhe, wie sie bei ihm Gläubigerin ist.

Unendlich hohe Staatsschuld? Kein Problem

Das Ledergeld unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht vom Euro. Geldvermögen, positiv, und Geldschuld, negativ, summieren sich zu Null. Binnenwirtschaftlich ist gleichgültig, wie hoch die Geldschuld einzelner Wirtschaftssubjekte ist; denn ihr steht rein definitorisch   ein Geldvermögen in gleicher Höhe gegenüber. Hat z.B. der Staat hohe Geldschulden, so haben private Wirtschaftssubjekte in seinem Währungsgebiet ein ebenso hohes Geldvermögen. Hohe Staatsschulden gegenüber Währungsinländern müssen aus keinem Grund der Welt abgebaut werden; sie können sogar ohne Schaden endlos wachsen. Doch der Staat tilgt immer wieder seine Geldschulden. Dabei ist allein entscheidend, zu wessen Lasten er sie tilgt: zu Lasten der Steuerzahler mit hohem Einkommen, oder zu Lasten der Steuerzahler mit niedrigem Einkommen? Zu Lasten der Industriesubventionen an Großkonzerne; oder zu Lasten der Haushaltstitel für Schulen und Krankenhäuser? 

Doch das ist ein allgemeines Verteilungsproblem, kein Geldschuldproblem.

Absatzsicherung

Zurück zum baltischen Gutsherrn. Das Leder-Geld verschafft ihm einen zinslosen Kredit bei der Tagelöhnerin. Außerdem aber sichert es ihm den Absatz im Kramladen, und zwar selbst dann, wenn auch andere Kramläden die Lederstücke für Ware oder Dienstleistungen in Zahlung nehmen sollten; wenn die Stücke also als Zahlungsmittel auch anderswo anerkannt werden sollten. Denn sie können letztlich nur im Kramladen des Gutsherrn realisiert, also in Nähnadeln oder Tabak umgesetzt werden. Wird das Lederstückchen im Kramladen eingelöst, so stellt es weder Kredit noch Schuld dar; es ist kein Geld mehr. Der Geldschöpfung, also der Ausgabe der Lederstücke für geleistete Arbeit, steht die Geldvernichtung bei Einlösung gegenüber.

Öl-Dollar

Wieder ein Blick auf die große Welt: Bei ihren Verträgen mit den Herren über das Öl am Persischen Golf haben die Briten darauf bestanden, daß nur in Pfund Sterling kontrahiert und bezahlt wird. Egal, wievielmal dann das Geld um den Globus kreisen würde: Es mußte in Großbritannien auflaufen, um realisiert zu werden: als Luxusflotte, als Waffenarsenal, als Maschinenpark made in Britain oder als Vermögensanlage in Großbritannien. 

Die Herrscher über Saudi-Arabien von US-amerikanischen Gnaden nehmen heute für Öl nur US-Dollar entgegen. Ließen sie es in Euro bezahlen, wären sie nicht mehr Herrscher; es erginge ihnen wie Saddam Hussein und dem Irak. 

Moral: Jeder kann Geld machen Geld schöpfen und es wieder vernichten, wenn er Leute findet, die darauf vertrauen. Er verschafft sich damit Kredit und Absatzsicherheit.

T:I:S, 23. August 2007. 

Wird fortgesetzt mit dem Thema: Geldschöpfung und Geldvernichtung durch die Europäische Zentralbank   

*

2. Folge

Der baltische Lederstückchenkreislauf

Der baltische Adel hatte sein Kapital vor dem Ersten Weltkrieg weitgehend so aufgehäuft wie der fiktive Waldläufer in der 1. Folge: erstens ohne Geld; zweitens aus den Abgaben und Diensten von Bauern und Gesinde. Sie gaben einen Teil der Früchte ihrer Arbeit her oder direkt ihre Arbeitkraft; sie schufen dem Gutsherrn sein Kapital. Das Gesinde erhielt, was es zum Leben brauchte: Nahrung, Kleidung, Schlafstatt; Artikel, die nicht auf dem Gut produziert wurden, wie Tabak oder Nähnadeln, konnte es im Kramladen des Gutsherrn kaufen. Doch mit welchem Geld?

Wie mir 1995 ein rückgewanderter Deutschbalte in Tallinn erzählte, bezahlte mancher Gutsherr seine Kapitalschöpfer mit Lederstücken, die er selbst hatte prägen lassen. Die waren in seinem Kramladen gut für ein Päckchen Tabak oder Nähnadeln. So brauchte der Gutsherr kein fremdes Geld für den Gutsbetrieb. Er allein beherrschte den Lederstückchenkreislauf.

Moral: Geld wird gemacht. Es ist etwas wert, sobald auf seinen Wert vertraut wird. Jeder kann Geld machen, und zwar aus dem Nichts. Der Vorgang heißt Geldschöpfung. 

T:I:S, 17. August 2007 

*

1. Folge 

Ohne Geld vom Waldläufer zum Kapitalisten

Mitten im kanadischen Wald beschließt ein Läufer zu bleiben, wo er ist, und baut sich mit Beil und Säge aus dem Survival-Rucksack eine Blockhütte. Dort überwintert er. Als das Frühjahr kommt, läuft er in die nächste Stadt, wirbt per Internet einen Abenteuerurlauber an und dirigiert ihn via GPS zu seiner Blockhütte. Der Abenteurer darf während des Urlaubs in der Blockhütte wohnen, muß aber in dieser Zeit eine zweite Blockhütte bauen – für den Waldläufer. Im nächsten Sommer vermietet der Waldläufer schon zwei Blockhütten an Abenteurer, die ihm zwei weitere Blockhütten bauen.

Und so weiter. Bis der Waldläufer der Sache überdrüssig wird. Da tauscht er die ganze Hüttenkolonie gegen – zum Beispiel gegen die Werkzeugmaschinenfabrik Vogtland in Plauen an der Elster. 

So wird einer Kapitalist – ohne Geld. 

Moral: Gäbe es kein Geld, könnte es trotzdem Kapital geben, also auch Kapitalisten. Mit der Abschaffung des Geldes wäre noch nicht viel erreicht. 

T:I:S, 15. August 2007. 

* vom aramäischen oder arabischen aman = das, worauf man vertraut – so der informative Wikipedia-Artikel über Geld  

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Wer meinen Feind befeindet, ist nicht dadurch mein Freund.

Über eine Finte 

Wer hiezulande Folter in den USA oder Israel anprangert, kann gefragt werden, warum er sich nicht zur Folter in Nordkorea äußere; er sei einseitig.

Die Frage ist eine Finte. Der deutsche Staat, dem wir Tribut zollen, steht auf seiten der USA und Israels, nicht Nordkoreas. Wenn überhaupt, so haben wir Deutschen Einfluß auf die hiesige Bündnispolitik, nicht die der Bündnisgegner.

Wer Propagandalügen über den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad entlarvt, sieht sich beschuldigt, dessen Greueltaten zu verschweigen. Auch dieser Vorwurf ist eine Finte. Die Lüge über den Präsidenten wird nicht wahr dadurch, daß der Verleumdete ein Verbrecher ist.

Wer den Kapitalismus verwirft, wie es auch viele Lumpen tun, wird dadurch nicht selber ein Lump.

In keinem der Fälle hilft Distanzierung. Der Angesprochene müßte, noch während er anprangert, entlarvt oder verwirft, sich von Gott und der Welt distanzieren. Er würde seine Aussage verwässern und sein Ziel verfehlen. Das aber ist der Zweck der Finte. 

Als in Deutschland der Nationalismus noch ganz unverhohlen blühte, galten Anklage oder Verurteilung des eigenen Staates als Vaterlandsverrat; andere Staaten täten Schlimmeres, das es weit eher anzugreifen gelte. Diese Finte könnte wieder Mode werden; sie ist es längst in den USA und Israel. 

T:I:S, 1. August 2007

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Ismael Hossein-zadeh: Parasitärer Imperialismus

Herr, laß Frieden werden, beten die Gläubigen. Die Ungläubigen beschreiben den Krieg und verwerfen ihn; auch sie haben kaum je Berge versetzt.

Ismael Hossein-zadeh dagegen setzt bei der inneren Struktur des modernen kriegerischen Imperialismus an und arbeitet Unterschiede zu den Vorläufern heraus. Der neue, parasitäre Imperialismus päppele die private Rüstungsindustrie und lege Teile der übrigen Privatwirtschaft trocken. Er vernachlässige die nationale Infrastruktur und beschleunige über Steuergesetze und Staatsverschuldung die Umverteilung von der unteren und der Mittelschicht auf die Oberschicht.

 Im 17., 18. und 19 Jahrhundert dagegen hätten auch andere Bevölkerungsteile als die nationalen Rüstungsproduzenten von den imperialen Kriegen profitiert. Selbst die unterworfenen Völker hätten in imperial befriedetem Frieden leben können, sobald sie sich dem Diktat der Imperialisten unterworfen und die eigenen politischen Ambitionen begraben hatten. Der heutige, parasitären Imperialismus dagegen brauche zu seiner Rechtfertigung dauerhaft unbefriedete Unterworfene. Er trage somit daheim wie auf fremdem Gebiet den Keim der Zersetzung in sich.

Gewiß hat in den oberen Rängen der militärischen Hierarchie immer die Tendenz bestanden, bürokratische Imperien zu errichten. Für sich genommen macht das den US-amerikanischen Militär-Industrie-Komplex nicht gefährlicher als die Militärmächte der Vergangenheit. Was ihn gefährlicher macht, ist der „industrielle“, der geschäftliche Teil des Komplexes. Im Gegensatz zur US-amerikanischen Militär- oder Kriegsindustrie gehorchten Waffenschmieden vergangener Imperien nicht kapitalistischen Marktanforderungen. Außerdem gehörten diese Schmieden oft imperialen Regierungen (und wurden von ihnen betrieben), und nicht marktgesteuerten Riesenkonzernen. Folglich wurde die Waffenproduktion in der Regel von Kriegserfordernissen diktiert, nicht von Markt- oder Gewinn-Imperativen, wie heute der Fall mit der US-amerikanischen Rüstungsindustrie.

Hossein-zadeh unterfüttert seine Sicht mit Statistiken über den stark schwankenden Rüstungsanteil an den US-Staatsausgaben seit dem Zweiten Weltkrieg, der mit starken Schwankungen zusätzlicher Bereicherung der Reichen korreliere. Er ordnet die Staatsverschuldung zutreffend ein als staatliches Instrument der Umverteilung – nicht als Gefahr ansich. Und er verdeutlicht, wie der militärisch-industrielle Komplex bereits wesentliche Teile des Herrschaftsapparats und seiner Vermittler überwuchert hat und nun in Abhängigkeit hält.

Der Ansatz überzeugt, wenn auch Historiker Beispiele für vergangene Imperien werden nennen können, die ähnlich morbide waren – und lange fortbestanden. Eine Parallele drängt sich auf: Israel steht und fällt mit seiner Rüstungsindustrie; nicht weil es von außen gefährdet wäre, sondern weil dort die Vermögen noch stärker auseinanderklaffen und weil die Rüstungsindustrie das ganze Wirtschaftsleben dominiert und ebenso gewinnorientiert ist wie in den USA.

Deutschland/Europa droht beiden zu folgen. 

T:I:S, 10. Juli 2007

Ismael Hossein-zadeh: Parasitic Imperialism. How Wars of Choice (and War Profiteering) are Corrupting American Civil Society. CounterPunch, 7./8. Juli 2007 http://counterpunch.org/hossein07072007.html  

Ismael Hossein-zadeh is a professor of economics at Drake University, Des Moines, Iowa. He is the author of the newly published book, The Political Economy of U.S. Militarism. His Web page is http://www.cbpa.drake.edu/hossein-zadeh

Rüstungsprofite treiben laut Ismael Hossein-zadeh die USA in immer weitere Kriege, und den Ölpreis in die Höhe. Die politischen Entscheidungsträger besäßen Rüstungsaktien. Die Ölkonzerne dagegen hätten langfristig ein Interesse an stabilen, nicht-kriegerischen Verhältnissen. Die NeoCons und die US-amerikanische zionistische Lobby bildeten die ideologische Fassade für weitere Rüstung.

 CounterPunch, T:I:S, 14. Mai 2008

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Generalstreik

Laut Oskar Lafontaine bleibe das Recht auf Generalstreik weiter eine Kernforderung Der Linken. 

Auf jedem Arbeitsrechtsseminar der DGB-Schule in Hamburg-Sasel wird indes gelehrt: Weder gibt es in der Bundesrepublik Deutschland ein ausdrückliches Recht auf Streik, noch eines auf (eventuell politischen) Generalstreik. Es gibt aber auch kein Verbot von Generalstreik (oder politischem Streik), sondern lediglich eine über 50 Jahre alte höchstrichterliche Entscheidung. Danach mußte die IG Druck und Papier  für den entstandenen Produktionsausfall im Jahre 1952 aufkommen. Aufruf zum Streik oder zum (politischen) Generalstreik und deren Durchführung sind somit keine Straftaten, sondern eine Frage der Kampfkraft, ebenso wie die Frage, wer für den Schaden aufzukommen hat.

 Kurz gesagt: Ein Bruch des Arbeitsvertrages ist nicht strafbar, sondern von Nachteil für den Schwächeren.

T:I:S, 20. Juni 2007

Siehe auch die Rezension von Lucy Redlers Buch: Politischer Streik in Deutschland nach 1945. Neuer ISP Verlag, Köln/Karlsruhe 2007, 143 Seiten, 14 Euro. T:I:S, 18. Dezember 2007

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Richard K. Moore

Ein paar Gedanken zum westlichen Imperialismus heute  

Vorrangiges Ziel des westlichen Imperialismus ist, die ungehinderte Tätigkeit  westlicher Konzerne und Anleger in der Dritten Welt zu ermöglichen. Dafür muß zuerst jede Dritte-Welt-Regierung, die nationale Interessen über westliche stellt, destabilisiert werden: durch Einmarsch; durch einen arrangierten Staatsstreich; oder durch den Weltwährungsfonds, der die Wirtschaft des Landes zerrüttet. Einmal destabilisiert, restabilisiert sich das Land unter einer prowestlichen Regierung, oder es bleibt instabil, und Besatzungstruppen sind erforderlich, um das Volk unter Kontrolle zu halten, sodaß die Konzerne ihre Tätigkeit fortsetzen können.

Die US-Großbritannien-Achse übernimmt gewöhnlich die Aufgaben an der Front, sei es eine Invasion, sei es einen Staatsstreich. Wenn der größere Konflikt beendet ist, übernehmen typischerweise andere westliche Staaten, gewöhnlich unter dem Dach der UN, die Besatzungsaufgaben. Diese Besatzungsaufgaben werden „peace keeping“ genannt und verbergen damit vor der westlichen Bevölkerung den imperialistischen Charakter der Rolle des Staates.  Der Imperialismus bleibt somit von der westlichen Bevölkerung unerkannt, aber er ist typischerweise von der politischen Führung intendiert.  

Nichtregierungsorganisationen spielen im Imperialismus eine erhebliche Rolle, üblicherweise ohne eigenes Wissen. Nicht nur beteiligen sie sich am Besatzungsregime und senken dadurch die Besatzungskosten, sie schaffen auch die Illusion, daß „etwas getan wird“. Das beschwichtigt das Volk im Westen. 

T:I:S (Übersetzung), 24. Mai 2007

Email an den Autor: rkm(at)quaylargo.com - Mehr von Richard K. Moore z.B. hier 

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Richard Moore (by email)

The structure of modern Western imperialism: some thoughts

The primary goal of Western imperialism is to enable the unfettered  operation of Western corporations and financial interests in the  third world . In order to accomplish this goal, there are several  kinds of tasks that need to be carried out. First, any third world  government that puts national interests ahead of Western interests  needs to be destabilized. This can be accomplished by invasion,  arranged coup, or IMF policies which destroy the economy. Once a  nation is destabilized, then either it restabilizes under a  Western-friendly government, or it remains destabilized and  occupation forces are needed to keep the people under control so  corporate operations can continue.

The US-UK axis typically takes on the front-line task of invasions  and coup arranging. The occupation tasks, once major conflict ends,  are then are typically taken up by the other Western  nations, usually under the auspices of the UN. These occupation tasks  are called 'peace keeping' in order to hide from those Western  populations the nature of their imperialist role. Thus imperialism is  unwitting, on the part of these populations, but it is typically  intentional on the part of their government leaders.  NGOs play an important role in imperialism, usually an unwitting one.  Not only do they participate in the occupation regime, reducing the  budget requirements of national occupation efforts, but they create  an illusion that 'something is being done', which serves to placate Western populations.

This is a brief outline. If you folks want to comment, we could  explore this situation in greater depth.

rkm(at)quaylargo.com 

Tue 20 Feb 2007

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Wir sind Antideutschland. 

Das deutsch-polnische Jahrbuch Inter Finitimos schreibt über die polnisch-sprachige Zeitung Fakt, in rund einem Fünftel der Artikel über Deutschland werde 

der Nachbar kritisiert, ihm wird hegemoniales Verhalten vorgeworfen und es werden Stereotypisierungen vorgenommen. Dabei verdichtet sich der kritische Blick auf bestimmte Diskurse, wie den über EU-Konflikte, deutsche Eigentumsrückforderungen und polnische Reparationsforderungen. Negative Werturteile und historische Klischees werden in diesen Kontexten massiv wiederholt und es kommt phasenweise zu antideutschen Kampagnen. 

Berichte, die keinen Polenbezug aufwiesen, konzentrierten sich auf den Umgang der Deutschen mit der Zeit des Nationalsozialismus oder dem heutigen Antisemitismus und Rechtsradikalismus. Fakt präge wesentlich das polnische Deutschland-Bild. 

Fakt wird seit 2003 vom Springer-Konzern herausgegeben, der in der heimischen Bild-Zeitung, so Inter Finitimos, um die Pflege des deutschen Patriotismus bemüht sei. 

T:I:S, 16. April 2007. Siehe auch Fakt, Polen vom 25. Februar 2011

Quelle: Joseph Croitoru: Saures vom Nachbarn. Die "Bild"-Zeitung und ihr polnisches Pendant "Fakt", FAZ, 14. April 2007, S. 37. (Maren Röger: Fakten über Deutschland? – Die Deutschland-Berichterstattung der polnischen Springer-Boulevardzeitung „Fakt“, Inter Finitimos 4, 2006, S. 247-256)

URL dieses Beitrags: http://www.steinbergrecherche.com/schnipsel.htm#Wir 

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Gremliza weiter für Gewährleistungskrieg

Leseranfrage: "Im aktuellen Heft wird an eine Äußerung Gremlizas vom März 2003 erinnert: "Wäre gewährleistet ... hätte ich keinen Einwand" gegen einen militärischen Angriff auf den Irak. Da ich kein regelmäßiger Leser Ihrer Zeitschrift bin, erlaube ich mir die Rückfrage, ob er seitdem einen Einwand veröffentlicht hat und, wenn das der Fall ist, wie der Einwand lautet? Für eine baldige Antwort wäre ich dankbar. Matthias Gockel per E-Mail"

"Die Antwort gab Gremliza im März 2003: 'Wäre gewährleistet, daß Saddam Husseins Regime beseitigt und durch ein menschenfreundliches ersetzt werden könnte, ohne fünfzig-, hunderttausend oder mehr Iraker kollateral umzubringen und zugleich an anderen Orten andere Monster zu entfesseln, hätte ich keinen Einwand.' Wie der Konjunktiv ausdrückte, war das, was, um keinen Einwand zu haben, gewährleistet sein müßte, nicht gewährleistet, und also hatte der Verfasser eben diesen Einwand. Daß der sich als zutreffend erweisen sollte, bedurfte keines erneuten Hinweises durch den Verfasser. Es war und ist der Tagespresse tagtäglich zu entnehmen. - Die Red."

T:I:S, 26. März 2007

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Kollateraler Konjunktiv 

Hermann Gremliza habe sich 2003 für die US-Intervention im Irak stark gemacht, behauptete kürzlich die taz. Der Schreibkünstler widerspricht in Konkret vom März 2007: Er habe im März 2003 – also vor den 655 000 irakischen Leichen, aber nach den US-geführten Überfällen auf Afghanistan, Jugoslawien, Vietnam und rund 100 andere Länder –  den Konjunktiv benutzt, und zwar so: 

Wäre gewährleistet, daß Saddam Husseins Regime beseitigt und durch ein menschenfreundliches ersetzt werden könnte, ohne fünfzig-, hunderttausend oder mehr Iraker kollateral umzubringen und zugleich an anderen Orten andere Monster zu entfesseln, hätte ich keinen Einwand. 

Das läßt für April 2007 einen weiteren Gremliza-Konjunktiv erwarten: 

Wäre gewährleistet, daß Ali Khameneis Regime beseitigt und durch ein menschenfreundliches ersetzt werden könnte, ohne fünfhunderttausend oder eine Million oder mehr Iraner kollateral umzubringen und zugleich den Nahen Osten und Mittelasien atomar zu verseuchen, hätte ich keinen Einwand."


Hiroshima 1945                                     Foto bei mondialisation.ca

T:I:S, 23. Februar 2007 

Wenn min Grotmodder Rööd har, brukt wi keen Ommibus. Heiner Möller in konkret, Heft 4/2003 zu Gremlizas Konjunktiv. Dank an einen Leser, der nachgeblättert hat. Außerdem:

Sozialdemokraten "Hermann L. Gremliza, der Autor aller Zitate, kommt nicht drauf. Bush ist nicht blöd, sondern Gremliza Sozialdemokrat. T:I:S, 11. Juni 2004 ..."

Faschismus "Wie alle Parteigänger von Angriff und Vernichtung erklärt Gremliza das derzeitige israelische Gemetzel und ... Gremliza für verrückt zu erklären, geht fehl. ..."

v. der Osten-Sacken "Der Diktator wurde gestürzt und der Irak in Stücke gehackt; die Kriegstreiber Makiya, Uwer, v. der Osten-Sacken und Gremliza nicht. T:I:S, 19. April 2007 ..."

Jungle World "Das Hamburger Monatsmagazin „konkret“, das von Hermann L. Gremliza herausgegeben wird, widmet sich seit mehreren Jahren der Aufgabe, ..."

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Identität

XXII.

Identitätspropaganda

Vor 200 Jahren hat Heinrich v. Kleist vorgemacht, wie Identitätspropaganda geht:

Frage. Du liebst dein Vaterland, nicht wahr, mein Sohn?

Antwort. Ja, mein Vater; das tu ich.

Frage. Warum liebst du es?

Antwort. Weil es mein Vaterland ist.

Frage. Du meinst, weil Gott es gesegnet hat mit vielen Früchten, weil viele schöne Werke der Kunst es schmücken, weil Helden, Staatsmänner und Weise, deren Namen anzuführen kein Ende ist, es verherrlicht haben?

Antwort. Nein, mein Vater; du verführst mich.

Frage. Ich verführte dich?

Antwort. – Denn Rom und das ägyptische Delta sind, wie du mich gelehrt hast, mit Früchten und schönen Werken der Kunst, und allem, was groß und herrlich sein mag, weit mehr gesegnet, als Deutschland. Gleichwohl, wenn deines Sohnes Schicksal wollte, daß er darin leben sollte, würde er sich traurig fühlen, und es nimmermehr so lieb haben, wie jetzt Deutschland.

Frage. Warum also liebst du Deutschland?

Antwort. Mein Vater, ich habe es dir schon gesagt!

Frage. Du hättest es mir schon gesagt?

Antwort. Weil es mein Vaterland ist.

Den Kern aller Identitätspropaganda bildet die Identität. Der Begriff ist hohl, und gerade deshalb so erfolgreich, weil er tautologisch ist. Weitere universell einsetzbare Propagandasprüche klopft Kleist in seinem

Katechismus der Deutschen

Abgefaßt nach dem Spanischen, zum Gebrauch für Kinder und Alte*

In sechzehn Kapiteln

.doc-Datei, T:I:S, 15. September 2012

URL dieses Beitrags: http://www.steinbergrecherche.com/schnipsel.htm#XXII  

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XXI.

Charlotte Knobloch

Als hätte die Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses, Charlotte Knobloch, am 4. September 2012 den SteinbergRecherche-Zweizeiler zur Vorhaut gelesen, schreibt sie am 5. September 2012 in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel "Die Beschneidung ist Kern der jüdischen Identität":

Anders als im Islam ist die Beschneidung im Judentum konstitutiv. Sie ist Kern der jüdischen Identität.

Womit zwar weiter im Dunkeln bleibt, was denn da so mit Identität gemeint sein könnte; aber deutlich wird: Nicht Hühnersuppe macht den Juden aus, wie Gilad Atzmon einst spöttelte, sondern seine nackte Eichel.

Wie allerdings fügen sich die ins Bild, die überhaupt keine Eichel haben?

Frau Vizepräsidentin, Sie sind abermals gefordert!

Nachtrag

Der Elan von Elam und Verleger beim Thema Beschneidung stammt vermutlich daher, daß sie tatsächlich an so etwas wie Identität glauben – in ihrem Falle jüdische Identität. Und dafür steht dann die Beschneidung, die sogar mehr ist als eine Tätowierung. Beschneidung ist wie ein Brandmal:

... In vielen Kulturen der Welt (v.a. in Afrika und Amazonien) ist das Branding fester Bestandteil von Initiationsriten oder wird als Stigma-Zeichen eingesetzt, z.B. als Zeichen des Ausgeschlossenseins oder als Zeichen der Unterwerfung...

Nach der Beschneidung / dem Branding gehört man (Mann) dazu! Wie sich auch unter den Nazis erwiesen hat. Und in Gesellschaften mit Genitalbeschneidung der Frauen gehört auch frau nur dazu, wenn sie beschnitten ist.

Die Sache hat meines Erachtens kaum mit Hygiene oder Lust zu tun, aber viel mit dem Versuch der Sinngebung mittels eines unauslöschlichen Zeichens für Gruppenzugehörigkeit, das zugleich alle Anderen ausschließt. (1)

T:I:S, 7. September 2012

Anmerkung

(1) Maimonides goes on to write that "those who believe in the unity of God should have a bodily sign uniting them so that one who does not belong to them should not be able to claim that he was one of them." Michael Handelzalts in Ha'aretz, 31. August 2012. hagalil.com, eine deutsch-zionistische Internetseite zitiert Maimonides (Führer, Teil III, Kapitel 49) in schlechtem Deutsch wie folgt:

Es gibt noch einen sehr wichtigen Gesichtspunkt bei dieser Vorschrift der Beschneidung: Das physische Zeichen ist für alle, die an Einen Gott glauben, ein vereinigender Faktor. Denn ein Aussenstehender wird nicht so grosse Schmerzen auf sich nehmen, um - aus irgendeinem Grund - in eine andere Religion einzudringen. Nur aus dem einen Grund des aufrichtigen Glaubens wird sich jemand der Beschneidung unterziehen oder sie an seinen Söhnen ausführen. Das ist nicht nur ein Ritzer an der Hüfte oder ein Schnitt am Arm, sondern eine schwerwiegendere Operation.

Zur Vertiefung zitiert hagalil.com den Rabbiner Josef Bechor Schor:

"Das ist mein Bund, den ihr bewahren sollt": Ich werde eurem Fleisch ein Siegel aufdrücken als Zeichen, daß ihr meine Diener seid. Es ist für Sklaven üblich, daß sie auf ihrem Gewand einen Fleck tragen als Zeichen ihrer Ergebnheit und Treue zu ihrem Herrn. Daher darf, nach dem Talmud (Schabbat 58a), ein Sklave am Schabbat nicht mit dem Fleck auf dem Gewand auf die Strasse gehen. Für uns gilt, daß der Ewige sein Siegel unserem Fleisch eingeprägt hat, um uns zu seinen Dienern zu machen. Und es ist unentfernbar.

Achim Bühl weiß offenbar nichts von Maimonides und Josef Bechor Schor. Er tippt lieber auf Antisemitismus, siehe das Interview bei marx21

Die Beschneidung hätten die Juden absichtlich gewählt, so der römische Geschichtsschreiber Tacitus, um sich abzusondern und kenntlich zu machen. In der Beschneidung drücke sich der Hass aus, den die Juden gegen alle anderen Völker empfänden. Spätestens mit Tacitus wird die Zirkumzision zum herausragenden rituellen Stigma, das nunmehr mit dem vermeintlichen »Menschenhass der Juden« gekoppelt ist. Seit der Antike ist der Judenhass untrennbar verbunden mit dem Ressentiment gegen die Zirkumzision.

T:I:S, 20. September 2012

URL dieses Beitrags: http://www.steinbergrecherche.com/schnipsel.htm#XXI 

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XX.

Vorhaut

Wann, oh wann, bekommen wir, als Foto oder Präparat, eine abgeschnittene Vorhaut zu sehen, jenem ursprünglichen und authentischen Wahrzeichen jüdischer und zugleich muslimischer Identität?

T:I:S, 4. September 2012

URL dieses Beitrags: http://www.steinbergrecherche.com/schnipsel.htm#XX 

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XIX

Jean Bricmont 

In Defense of Gilad Atzmon*

– Auszüge  

... When a community, grouped around its “identity,” demands certain rights – or compensations, or privileges – others who do not share that identity should be allowed to challenge the justification of those claims. Just as when a religion seeks to impose its own morality on society as a whole. Identity politics is to be found among blacks, Muslims, women, etc. One may even suggest that politics today is more and more reduced to a conflict between identities, socioeconomic questions having been relegated to the management of nonelected experts. But there is also a Jewish identity politics, whose implications go far beyond the Israeli-Palestinian conflict and which affects, among other things, freedom of expression or relations with Muslims.

But whereas identity demands, especially by Muslims, are regularly attacked in public, the great merit of Atzmon is to recognize the existence of Jewish identity politics and to criticize it – something practically nobody else dares to do.

The way to put an end to identity politics would no doubt be to extend the concept of secularism to the separation of identity from the state, as well as the separation of sacred things, such as memory, from the state and even from politics. Each individual should be able to define the group to which he or she belongs and the events considered important or sacred in history. But the state and all its public institutions, such as schools and universities, should be strictly neutral in regard to these choices. In a secular democracy, politics should deal with the collective management of the civitas, with laws and regulations, with social and economic measures, but not with what citizens should think (unless the idea is to move toward what everyone claims to disapprove of, that is, totalitarianism). In a period marked by proliferation of memorial laws, when individuals are dragged into court for insults or offenses against some group in particular, or for denying certain historical facts, and when a clumsy expression can let loose a deluge of protests usually followed by public apologies (in other periods, they were called “confessions” or “self-criticisms”), the least one can say is that such a modest proposal risks appearing as revolutionary as well as utopian...

... One of the most important questions raised by Atzmon’s writings is whether what he says is good or bad for the Palestinians (which is separate from the question of whether what he says is true or false). A sizable fraction of the Palestine solidarity movement seems to think that it is bad and tries to distance itself as far as possible from this “dubious character.” In my opinion, this is a huge mistake, which reflects a more basic error. This movement often gives the impression that its “solidarity” with Palestine takes place above all over there and requires more and more missions, trips, dialogues, reports, and even sometimes “peace processes.” But the plain facts of the matter are that the Israelis do not want to make the concessions that would be needed to live in peace and that a main reason for that attitude is that they think they can enjoy Western support ad vitam aeternam. Therefore, it is precisely this support that the solidarity movement should attack as its priority. Another frequent error is to think that this support is due to economic or strategic considerations. But, at least today, Israel is of no use to Western interests. It turns the Muslim world against us, doesn’t bring in a single drop of oil, and pushes the United States into a war with Iran that the Americans clearly don’t want. The reasons for this support are obvious enough: constant pressure from Zionist organizations on intellectuals, journalists and politicians by endlessly manipulating the accusation of anti-Semitism and the climate of guilt and repentance (for the Holocaust) kept on artificial life support, in large part by those same organizations. As a result, the main task of the Palestine solidarity movement should be to allow free speech about Palestine, but also to denounce the pressure and intimidation by various lobbies. Which is what Atzmon does. Far from rejecting him, the solidarity movement should make it a priority to defend the possibility of reading and listening to him, even if one is not in total agreement with what he says...

*Adapted from the preface to La Parabole d'Esther. Anatomie du Peuple Élu. Réflexions sur la politique identitaire juive. Traduit de l’anglais par Marcel Charbonnier. Editions Demi-Lune 2012, Collection Résistances, N° ISBN : 978-2-917112-19-9 , the French edition of Atzmon’s book, The Wandering Who? A Study of Jewish Identity Politics; text published in the print edition of CounterPunch, Volume 19 Number 6, March 16-31, 2012

Gilad Atzmon, 9. April 2012. T:I:S, 27. April 2012

Hinweise

Gilad Atzmon und Jean Bricmont sind vielfach angegriffen und verurteilt worden, so vom Anti-Zionisten Dominique Vidal: Les protocoles de Gilad Atzmon,  La Feuille de Chou, 5. April 2012. Vidal zitiert Sätze von Atzmon, geht jedoch nicht auf die anti-identitäre Stoßrichtung seiner Gegner ein oder auf die von ihnen kritisierte jüdische Identitätspolitik sowohl der Zionisten als auch der sich als Juden verstehenden Anti-Zionisten. Stattdessen beschimpft er Atzmon und Bricmont.

Jean Bricmont hat auf Dominique Vidal repliziert: La parabole d’Esther. Lettre à Dominique Vidal. Mondialisation.ca, 23. April 2012 . Bricmont weist die Beschimpfungen zurück. Er sieht in Vidal einen Gate-Keeper. 

Sophia Deeg zitiert Gilad Atzmon auszugsweise und in deutscher Übersetzung in der Sozialistischen Zeitung vom Mai 2012  unter dem Titel "Gilad Atzmon ist keiner von uns. Palästinenser distanzieren sich von antijüdischer Palästina-'Solidarität'". Hier der Vergleich zwischen Atzmons Worten und Deegs Zitaten:

Vergleich zwischen Transkript und Zitat:

 Übereinstimmendes kursiv

 

Transkript Gilad Atzmon

 We all agree about the principle of one state. We all agree that this is probably the only ethical and universal approach to the crisis. And we all agree that this is the right course towards peace. But somehow we tend to forget, or to dismiss the fact that the word 'universal' is actually very foreign to Jewish culture. Jewish culture is tribally oriented. We tend to overlook the clear fact that the notion of ‘peace’, as we know it -- a form of reconciliation, or ‘loving your neighbour’ -- is very foreign to Jewish culture, and it is definitely an alien concept to Israeli culture. Israelis use the word 'shalom' -- you have heard the word 'shalom' before -- however, 'shalom' doesn't mean peace: 'Shalom' actually means security to the Jews. And only for the Jews. It's a very different concept.

Shockingly enough, Zionism started out as a very interesting project: Its intention was to ‘civilise’ the Jews. This is not Gilad Atzmon speculating now – the following is actually from Theodor Herzl, the founder of political Zionism -- Herzl said, 'We (the Jews) want to be people like all other people,' which means, we want to transcend ourselves beyond a tribal ideology. We want to understand what peace is all about. We want to be authentic; to live on ‘our’ land, to work, and so on. It was quite a nice idea -- except for the fact that it was at the expense of another people.  Probably this planet was not the right place for the Jewish State; simply because the notion of loving your neighbour, was, and still is, foreign to the culture. This is why Christ is such an interesting revelation. Christ basically argued : 'Everything is fine; let us just accept the fact that we are all brothers and sisters.’

 

Von Sophia Deeg übersetzt und zitiert

  

 

 «Wir neigen dazu zu vergessen, dass das Wort ‹universell› der jüdischen Kultur sehr fremd ist. Die jüdische Kultur ist tribal orientiert. Wir neigen immer wieder dazu, die eindeutige Tatsache zu vergessen, dass Frieden in der Form der Versöhnung, des Liebe deinen Nächsten … der jüdischen Kultur zutiefst fremd ist

 

 

 

  
 

 

 

 

 

Es ist keine schlechte Idee, mit ihnen in Frieden zusammenzuleben, aber 

dieser Planet ist vermutlich nicht der richtige Platz dafür … weil dieser Kultur die Vorstellung, seinen Nachbarn zu lieben, fremd ist.»

Deegs Auslassungen zeigen: Sie mißversteht, was Atzmon meint. Atzmon meint, daß sowohl heutige Zionisten, als auch Anti-Zionisten, die auf ihre (nicht-religiöse) Jüdischkeit abstellen, tribalistisch statt universalistisch gesonnen sind; siehe diejenigen, die einen (nicht-jüdischen) Staat Palästina neben einem (dann eben zwangsläufig jüdischen) Staat Israel anstreben, also zwei tribalistische Staaten, statt einen universalistischen Staat für alle. 

Während doch, so Atzmon, Herzl, der Alt-Zionist, sich nicht-tribalistische Juden gewünscht hatte; die dann allerdings auf Kosten anderer, nämlich der Palästinenser, also eben doch wieder tribalistisch vorgegangen seien.

Der religiöse Jude Rolf Verleger bezieht seinen menschenfreundlichen Glauben aus einer jüdischen Traditionsrichtung, die dem christlichen "Liebe deinen Nächsten" gleichkommt. Nicht-religiöse Menschen freilich, die sich als Juden verstehen, verfügen dagegen, so Atzmon, nur über den tribalistischen Bezugspunkt, eben ihre Jüdischkeit, auf Englisch jewishness, die weder rassisch, noch sprachlich, noch ethnisch fundiert ist, sondern eben nur tribalistisch.    

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XVIII.

Dialog über Identität

Eretz Nehederet / Wundervolles Land

Antizionismus in Israel

Video, 2010, 72 Minuten. T:I:S, 2. April 2012

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XVII.

Adam Shatz

Nothing he hasn’t done, nowhere he hasn’t been

Rezension des Buches von Claude Lanzmann: The Patagonian Hare, A Memoir, aus dem Französischen übersetzt von Frank Wynne. Atlantic, 528 Seiten, £25.00, March, ISBN 978 1 84887 360 5 / Claude Lanzmann: Le Lièvre de Patagonie, Gallimard, 2009, 550 pages, bei Amazon gebraucht ab EUR 7,50. ISBN 978-2-07-012051-2

Schlußabsatz

Seit dem Ausbruch der Zweiten Intifada wurde die französische jüdische Gemeinde von einer Welle des communautarisme, von Identitätspolitik, überschwemmt. Antisemitismus ist der eine Grund: Das Stammesgefühl ist verständlich angesichts von Ereignissen wie den Morden in Toulouse im abgelaufenen Monat. Aber Antisemitismus allein kann die Wendung der jüdischen Gemeinde nach innen, oder ihren Schwenk nach rechts, nicht erklären. Vom zunehmend bellizistischen Tenor jüdischer Politik in Frankreich beunruhigt, veröffentlichte Jean Daniel vor ein paar Jahren ein bemerkenswertes Büchlein mit dem Titel Das jüdische Gefängnis. Anders als der Antisemitismus, sei dieses Gefängnis selbstauferlegt, bestehend aus drei unsichtbaren Mauern: der Vorstellung vom Auserwählten Volk, des Holocaust-Gedenkens und der Unterstützung des Staates Israel. Die wohlhabenden assimilierten Juden des Westens seien in die Falle mit diesen Mauern getappt und nun immer weniger in der Lage, sich selbst richtig zu sehen oder das Leiden Anderer wahrzunehmen – insbesondere die Palästinenser hinter dem "Trennzaun". In den letzten vier Jahrzehnten hat Claude Lanzmann eine ungeheure Rolle nicht nur beim Bau dieses Gefängnisses, sondern auch bei seiner Bewachung gespielt. Daß ein Chronist des Holocaust ein mystischer Verfechter militärischer Gewalt werden konnte, ein unerschütterlicher Verteidiger des israelischen Krieges gegen die Palästinenser und ein geschickter Leugner der israelischen Verbrechen, ist eine bemerkenswerte Geschichte. Aber die werden Sie in Lanzmanns Memoiren nicht finden. 

Since the outbreak of the Second Intifada, the French Jewish community has been swept by a wave of communautarisme, or identity politics. Anti-semitism is one reason: clannishness is understandable in the face of incidents like last month’s killings in Toulouse. But anti-semitism alone can’t explain the Jewish community’s turn inward, or its drift to the right. A few years ago, troubled by the increasingly bellicose tenor of Jewish politics in France, Jean Daniel published a striking little book called The Jewish Prison. This prison, unlike anti-semitism, was self-imposed, and made up of three invisible walls: the idea of the Chosen People, Holocaust remembrance and support for the state of Israel. Having trapped themselves inside these walls, the prosperous, assimilated Jews of the West were less and less able to see themselves clearly, or to appreciate the suffering of others – particularly the Palestinians living behind the ‘separation fence’. Over the last four decades, Claude Lanzmann has played a formidable role not only in building this prison but in keeping watch over it. That a chronicler of the Holocaust could become a mystical champion of military force, an unswerving defender of Israel’s war against the Palestinian people and a skilled denier of its crimes, is a remarkable story, but you won’t find it in Lanzmann’s memoir. 

London Review of Books, Vol. 34 No. 7 · 5 April 2012 » Adam Shatz » Nothing he hasn’t done, nowhere he hasn’t been (print version), pages 11-15, 7451 words. Nur für Abonnenten

T:I:S, Übersetzung, 31. März 2012. Siehe auch die Parteinahme Hamburger Antideutscher für Lanzmann im Jahre 2009 und die darauf folgende monatelange Debatte unter Die Anti-Linken 

Anmerkung

(1) Jean Daniel: The Jewish Prison: a Rebellious Meditation on the State of Judaism. Aus dem Französischen übersetzt von Charlotte Mandell, Melville House Publishing, USA, 2005 / Jean Daniel: La Prison juive : humeurs et méditations d'un témoin. Odile Jacob 2003

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XVI.

Jüdische Identitätspolitik

Atzmon by Prof. Norton Mezvinsky
Interview with Gilad Atzmon by Prof. Norton Mezvinsky—PART II

Interview with Gilad Atzmon by Prof. Norton Mezvinsky—PART III

Interview with Gilad Atzmon by Prof. Norton Mezvinsky—PART IV
  

Alles unter wrmea.com, 14. März 2012

T:I:S, 27. März 2012

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XV

Vergleich zwischen Watzals Rezension und Atzmons “The Wandering Who?”

Zu  Watzals Rezension bemerkt ein Leser:

1. Watzal unterstellt dem Autor von "The Wandering Who?": 

Atzmon scheint von einem Nuklearkrieg zwischen Iran und Israel mit Millionen von Toten auszugehen, um fortzufahren: "Einige mutige Menschen werden sagen, dass Hitler recht hatte."

Die Aussage ist aus dem Zusammenhang gerissen. Der liest sich so: 

We, for instance, can envisage an horrific situation in which an Israeli so-called "pre-emptive" nuclear attack on Iran escalates into a disastrous nuclear war, in which tens of millions of people perish. I guess that amongst the survivors of such a nightmare scenario, some may be bold enough to argue that "Hitler might have been right after all." (p. 179)

Daß Israel dem Iran mit Nuklearwaffeneinsatz gedroht hat, ist Fakt: Hier ein Zitat aus der Times. Der Unterschied zur Watzal-Interpretation ist kraß.

2. Watzal unterstellt, Atzmon bezeichne sich mit "Stolz" als "selbsthassenden Juden".

Auf Seite 61 steht jedoch:

I was what some call an "independent critical thinker", I may also be what some Jews regard as a "proud, self-hating Jew". Could it be that it was my comprehension of the Jewish political identity that brought so much Jewish animosity to my door?

Das Konzept des selbsthassenden Juden stammt aus Theodor Lessings "Der jüdische Selbsthaß" (1930), hat aber nichts mit den gelegentlichen Unterstellungen à la Watzal zu tun. 

3. Watzal unterstellt, Atzmon verachte den Juden in sich und berufe sich dabei auf Weininger. Der Originaltext lautet:

In my early days I believed myself to be an autonomous thinker, positing himself in a detached, Archimedean surveying position. Thanks to Weininger, I realised how wrong I was - I was not detached from the reality about which I wrote, and I never shall be. I am not looking at the Jews, or at Jewish identity, I am not looking at Israelis. I am actually looking in the mirror. With contempt, I am actually elaborating on the Jew in me.The Jew in me is not an island. He is joined by hostile enemies and counter-personalities who have also settled in my psyche. There are, inside me, many characters that oppose each other. It isn't as horrifying as it might sound. In fact, it is rather productive, amusing and certainly revealing.

4. Watzal fragt, woher die Koinzidenz zwischen Atzmons Terminologie und der der Nazis stamme. Doch nirgendwo weist er Atzmon Nazi-Terminologie nach. Er unterstellt deren Existenz mit seiner Frage. 

5. Watzal unterstellt, Atzmon sehe bei Greenspan eine angebliche jüdische Agenda, sein Handeln beruhe auf seiner jüdischen Identität und auf der Absicht, Israel zu unterstützen. Eine solche Textstelle ist nicht auffindbar. 

T:I:S, 1. Dezember 2011. Andere Meinungen zu Atzmons Buch unter Streit.

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XIV

Streit um Gilad Atzmons jüngstes Buch “The Wandering Who?”

Gilad Atzmons Buchtitel "The Wandering Who? A Study Of Jewish Identity Politics" spielt auf The Wandering Jew, den ewigen Juden an. Das Buch richtet sich gegen Personen und Gruppen von Personen, die ihre Jüdischkeit als ihre Identität verstehen und somit einer Ideologie aufsitzen, die alle anderen Menschen ausschließt. Atzmon unterscheidet diese Personen und Gruppen von Anhängern des Judentums als Religion und von solchen Personen, die jüdischer Herkunft sind, ohne sich mit ihrer Jüdischkeit zu identifizieren. Weder hält er Juden für eine Rasse, noch unterstellt er identitären Juden irgendein Handeln im Verborgenen. Vielmehr würden identitäre Juden ihren Tribalismus in aller Öffentlichkeit  praktizieren.

John J. Mearsheimer ("The Israel Lobby") fand Atzmons Buch faszinierend und provokativ, weshalb Mearsheimers Freßfeind Jeffrey Goldberg fand, Mearsheimer unterstütze in Atzmon einen Hitler-Apologeten und Holocaust-Revisionisten. Mearsheimer replizierte, Goldberg habe, statt auf Atzmons Buch einzugehen, aus anderen Zusammenhängen herbeigeholte Atzmon-Zitate gefälscht.

Mearsheimer hat Recht.

Atzmon freilich hält seinen lobenswerten Ansatz weder begrifflich, noch politisch-praktisch durch. In einem Gespräch mit Silvia Cattori, Englisch hier, Französisch hier, unterscheidet er manchmal "jüdisch" von "zionistisch", ein andermal gebraucht er die Begriffe synonym. Andernorts hat er sich für ein US-nationalistisches Schmacht-Video so ins Zeug gelegt, als hätte er nie die Rede von der Identität, egal mit welchem Kollektiv, als gefährliches Geschwätz entlarvt.

Atzmon changiert, und manche seiner Äußerungen stinken.

T:I:S, 27. September 2011. Jonathan Cook über den Guardian zu Atzmon unter Fälscher mit einer Anmerkung von T:I:S, 29. September 2011

Ergänzungen

A few points for the occasion of the Atzmon saga going mainstream. Of course Atzmon is antisemitic... Levi9909 (Mark Elf), Jews sans frontières, 29. September 2011. Zu Mearsheimer (und Walt) siehe Nationales Interesse passim. T:I:S, 30. September 2011

Gilad Atzmon  wird klug kritisiert in The Blundering Who? auf Red Scribblings, während Mark Elf auf Jews sans frontières die wesentlichen Atzmon-Aussagen völlig mißverstanden hat. Red Scribblings bringt die Überlegung ins Spiel, daß der US-Herrschaftselite die überproportionale Beteiligung von Juden an ihren imperialistischen Konzepten und Unterfangen als Rückversicherung dienen könne. Laufen sie schief , ist der Sündenbock schnell zur Hand. T:I:S, 9. Oktober 2011

Der Holocaust-Leugner und Judeophobe Gilad Atzmon wird salonfähig gemacht. Shraga Elam, 15. November 2011. Siehe dazu auch Fälscher. T:I:S, 16. November 2011

Ludwig Watzal hat Gilad Atzmons "The Wandering Who?" rezensiert, und ein Leser hat Watzals Rezension mit Atzmons Text verglichen, siehe Vergleich. T:I:S, 30. November 2011

Elias Davidsson hat ebenfalls Gilad Atzmons "The Wandering Who?" rezensiert, auf Englisch. T:I:S, 3. Dezember 2011

Harte Worte, schlecht belegt: Ali Abuminah, Electronic Intifada, pocht auf Identität, speziell  jüdische. Sein Gegner Gilad Atzmon nicht: Er spricht von Jüdischkeit (jewishness) als einem tribalen Ideologem. Abuminah hat das entweder nicht verstanden, oder er fürchtet um sein eigenes tribales Ideologem. T:I:S, 13. März 2012

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XIII

Ist mit ‘Identität’ denn überhaupt etwas anzufangen? Meine Antwort lautet schlicht: nein.

Daniel Sanin: Zur Kritik des Identitätsbegriffs. Eine Analyse im Spannungsfeld von Subjektivität und Kollektivität. Diplomarbeit zur Erlangung des Magistergrades der Philosophie an der Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften der Universität Wien. Wien, September 2002, .pdf-Datei, S. 84 (Blatt 85) von 113 (114). 

Sanin stützt sich teilweise auf Ute Osterkamp und Klaus Holzkamp (Kritische Psychologie), siehe sein Literaturverzeichnis, und auf Adorno und Horkheimer. Er zermalmt Erik H. Erikson und andere Autoren, die den Terminus Identität für brauchbar halten. Er schreibt, gemessen an der Komplexität des Gegenstands, ausgesprochen verständlich. Fein, daß er seine Arbeit ins Netz gestellt hat. T:I:S 

T:I:S, 3. August 2011

Nachtrag

Am 3. August 2011 hatte ich Herrn Sanin gemailt, ich hätte auf seine Magisterarbeit verlinkt. Er antwortete mir am 4. August, prinzipiell freue er sich, wenn seine Arbeit verlinkt werde. Bei meiner Seite sei das leider nicht der Fall. Schon der meine Seite prominent zierende Appell "Boykottiert die israelische Apartheid!" mache das klar. Er bitte mich daher um Entfernung der Verlinkung auf seine Seite.

Ich habe seiner Bitte entsprochen.

T:I:S, 4. August 2011

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XII

Thomas Immanuel Steinberg

"Was Hitler nicht geschafft hat, das passiert jetzt in der Diaspora mit ihrer erschreckenden Assimilation"

Der israelische Justizminister Jaakov Neeman, Mitglied der faschistischen Partei Jisra'el Beitenu von Außenminister Avigdor Liebermann, sagte in einer Podiumsdiskussion über die Regelung des Übertritts zum Judentum: 

The problem in exile isn't conversion, it's assimilation.  How many [new] Jews join the Diaspora Jewry by converting, and how many [Jews] assimilate? Let's face the truth. What Hitler - may his name and memory be forgotten - didn't manage to do is happening in the Diaspora with its horrific assimilation.

Das Problem im Exil [gemeint: außerhalb Israels, T:I:S] ist Assimilation. Wieviele Anwärter schließen sich der jüdischen Diaspora durch Übertritt an, und wieviele Juden assimilieren sich? Stellen wir uns der Wahrheit. Was Hitler - sein Name und die Erinnerung an ihn mögen vergehen - nicht geschafft hat, das passiert jetzt in der Diaspora mit ihrer erschreckenden Assimilation.

Zum Hintergrund: In den USA kann man auch bei nicht orthodoxen Rabbinern Jude werden. In Israel nicht. Den privilegierten Status eines jüdischen Staatsbürgers mit allen Rechten erhält man in Israel nur über orthodoxe Rabbiner.

Neeman sorgt sich offenbar um die jüdische Unterstützung für den Staat Israel, sei es durch Zuwanderung von Juden, sei es via Zugehörigkeit zum Judentum durch Identifizierung mit dem Staat Israel. Ein Teil der Diskussionsteilnehmer will offenbar die Möglichkeit zum Übertritt dadurch erleichtern, daß in Israel nicht nur orthodoxe Rabbiner darüber entscheiden, wer Jude sein darf.

Ein anderer Diskussionsteilnehmer, der israelische Innenminister und Vorsitzende der orthodoxen Shas-Partei, Elijahu Jischai, fand dagegen:

If we actually change the rules and act outside the value-based Jewish rules, we lose our values and our identity. What keeps the Jewish people is its unity. It's important we are united.

Wenn wir jetzt die Regeln ändern und uns außerhalb der wertefundierten jüdischen Regeln bewegen, dann verlieren wir unsere Werte und unsere Identität. Was das jüdische Volk aufrechterhält, ist seine Einigkeit. Es ist wichtig, daß wir vereint sind.

Ha'aretz berichtet außerdem:

Yishai also said that ten years ago, a study was published in the United States showing "the Jewish gene" was passed along the maternal line, affirming the ancient halakhic line of Jewishness passing along the maternal line. This remark was met with sneers from the audience.

Jischai sagte außerdem, daß vor zehn Jahren eine in den USA veröffentlichte Studie gezeigt habe, daß das "jüdische Gen" matrilinear vererbt werde. Sie bestätige den alten halachischen Standpunkt, daß Jüdischkeit von der Mutter weitergetragen werde. Diese Bemerkung stieß bei Zuhörern auf Spott.

Kommentar

Bei der Staatsangehörigkeit und beim Status innerhalb eines Staates völkische oder religiöse Kriterien heranzuziehen, verdient ebenso viel Spott wie die Berufung auf Gene. Die Rede von der Identität ist Geschwätz, die Rede von einer kollektiven Identität ist mörderisches Geschwätz, das im Falle Israel darin mündet, daß Tausende israelische Juden nachts durch den palästinensischen Teil von Jerusalem ziehen und brüllen: "Schlachtet die Araber" und " Möge euer Dorf brennen".

T:I:S, 26. Juni 2011

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XI

Thomas Immanuel Steinberg

Jerusalem und die Vorstellung von einer überpersönlichen Identität

Beitrag zur Jerusalem-Konferenz in Doha, Katar 2012*

Identität – was ist das? Ich bin in Berlin geboren, katholisch erzogen und dann Atheist geworden. Seit fast 25 Jahren lebe ich in Hamburg. Dort am Fluß Elbe, wo der zweitgrößte Hafen Europas liegt, fühle ich mich wohl. Ich kritisiere Vieles, aber gegen eine Vertreibung aus meiner Wahlheimat würde ich mich wehren. 

Doch identifiziere ich mich nicht mit Hamburg, oberflächlich schon deshalb nicht, weil mir zu Vieles an der Stadt mißfällt; darüber hinaus aber, weil ich noch vieles Andere bin als bloß Wahl-Hamburger. Doch den Ausschlag gibt, daß „Identität“ ein leerer Begriff  ist: Identität meint A = A, ich bin ich. Was auch sonst. Identität ist kein theoretisch-empirischer Begriff.

Jerusalem war oder ist Heimat oder Wahlheimat für Menschen verschiedener Herkunft, religiöser Bekenntnisse und politischen Positionen; Orientierungspunkt und Ausdruck von Hoffnung wie Verzweiflung. Manche Menschen identifizieren sich mit Jerusalem als christlicher, muslimischer, jüdischer, palästinensischer, arabischer Stadt, wegen, so sagen sie, ihrer eigenen christlichen, muslimischen, jüdischen, palästinensischen  oder arabischen Identität. Sie reklamieren für ihre Person eine überpersönliche Identität – die freilich jeweils verschieden konnotiert ist. Sie verstehen sich als Menge, nicht als Teil einer Menge. 

Schon an der Verschiedenheit der jeweils reklamierten Identitäten mit Jerusalem-Bezug läßt sich deren ideologische Funktion ablesen. Die für sich genommen leere Vokabel Identität, mit einem mehr oder minder beliebigen Attribut (christlich, muslimisch, jüdisch, fortschrittlich, reaktionär ...) versehen, dient der Rechtfertigung je unterschiedlicher, teils gegensätzlicher Positionen zu Jerusalem: zu den jüdisch-israelischen Kolonien in Ost-Jerusalem und auf palästinensischem Boden im Umland von Jerusalem; zur jüdisch-israelischen Besatzung Palästinas; und zu den jüdisch-israelischen Kolonien überhaupt.

Ich möchte allen Menschen, zumal in Sachen Jerusalem, davon abraten, eine überpersönliche Identität für sich zu reklamieren, sei sie nun jüdisch, arabisch oder sonstwie attribuiert. Vielmehr sollten alle umsetzen helfen, was geboten und seit Jahrzehnten beschlossen ist: den Rückzug der jüdischen Israelis hinter die Grenzen von 1967, die Etablierung von Ost-Jerusalem als Hauptstadt Palästinas und die Anerkennung des Rückkehrrechts der Palästinenser.

Bleiben wir bei der Einzigartigkeit jedes Menschen. Vergessen wir die politisch oder religiös funktionalisierten Identitäten. Sie sind hohl.

*International Jerusalem Conference, Doha, Katar, 26. und 27. Februar 2012. SteinbergRecherche wird berichten.

T:I:S, 18. Januar 2011. Siehe auch Katar / Qatar. En français ici

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X

Thomas Immanuel Steinberg

Jérusalem et la conception d’une identité inter-personnelle

Contribution à la Conférence sur Jérusalem à Doha, Qatar, 2012*

L’identité – qu’est-ce que c’est ? Je suis né à Berlin, fus élevé en tant que catholique et suis devenu athée. Depuis 25 ans je vis à Hambourg. Là, au bord de la rivière Elbe, ou se trouve le deuxième port d’Europe, je m’y sens bien. J’en critique beaucoup de choses, mais je me défendrais si on m’expulsait de ma ville d’adoption.

Pourtant, je ne m’identifie pas avec Hambourg ; superficiellement parce que trop de choses m’en déplaisent ; au delà de cela, parce que je suis encore beaucoup d’autres choses que simplement un Hambourgeois de choix. Mais ce qui fait pencher la balance, c’est que « l‘identité » est un terme vide : identité veut dire A = A, moi, c’est moi. Quoi d’autre. « L’identité » n’est pas un terme théorique-empirique.

Jérusalem fut ou est toujours ville ou ville d’adoption pour des gens de diverses provenances, confessions ou positions politiques ; point d’orientation et expression d’espoir ou de désolation. Certains gens s’identifient avec Jérusalem comme ville chrétienne, musulmane, juive, palestinienne, arabe – à cause de, disent-ils, leur propre identité chrétienne, musulmane, juive, palestinienne, ou arabe. Ils revendiquent, pour leur personne, une identité inter-personnelle – avec respectivement une connotation variée. Ils se conçoivent comme un ensemble, non pas comme élément d’un ensemble.

C’est déjà la diversité des identités revendiquées concernant Jérusalem qui révèle leur fonction idéologique. Le vocable « identité », lui, pris isolément, est vide. Mais, pourvu d’un attribut au choix (identité chrétienne, musulmane, juive, progressive, réactionnaire …), il sert à la justification de positions diverses, et partiellement contraires, à l’égard de Jérusalem : à l’égard des colonies judéo-israéliennes à Jérusalem-Est et sur le sol palestinien aux alentours de Jérusalem, à l’égard de l’occupation judéo-israélienne de la Palestine ; et à l’égard des colonies judéo-israéliennes en général.

Je voudrais déconseiller à toute personne, surtout à l’égard de Jérusalem, de revendiquer une identité inter-personnelle pour soi-même en s‘attribuant celle de juif, d’arabe ou de quoi que ce soit. Tous devraient plutôt aider à mettre en œuvre ce qui s’impose et qui est résolu depuis des décennies :  la retraite des Israéliens juifs derrière les frontières de 1967, l’établissement de Jérusalem-Est comme capitale de la Palestine et la reconnaissance du droit au retour des Palestiniens.

Restons-en à la singularité de tout être humain. Oublions les identités fonctionalisées, politiques ou religieuses. Elles sont creuses.

*International Jerusalem Conference, Doha, Qatar, 26 et 27 février 2012. SteinbergRecherche en rendra compte.

T:I:S, 18 janvier 2011. Voir aussi Katar / Qatar. Auf Deutsch hier

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IX

'Jews Only' Club

In Lieberman and the Jewish Political Continuum vom 11. Oktober 2010 schreibt Gilad Atzmon:

... Lieberman is no fool. Unlike the Israeli so called ‘peace camp’ who rally for Israeli withdrawal to pre-1967 lines, the Israeli Foreign minister knows that occupation alone is not the root of the problem. He also understands that a further Israeli withdrawal won’t significantly change anything. Rather, Lieberman fully understands that the right of return is actually at the heart of the Palestinian cause, yet he is not willing to discuss it. Instead, Lieberman insists that “recognition of Israel as the nation-state of the Jewish people” is of the essence, because he basically wants Israel to be a ‘Jews only’ club. And it is crucial to admit here, that this point is also totally vital for Israelis and Zionist Jews around the world too.

But here, there is a shocking twist: whilst we understand that Zionists insist on operating within a ‘Jews only’ club — the Jewish anti Zionists are apparently not much different. For some reason, the Jewish opponents of Israel also insist on operating in what seem to be just more Judeo-centric tribal dissident political cells. It is pretty obvious that the ‘Jewish boat to Gaza’ was a Jews only vessel. I can only assume that ‘Jews for Peace’, ‘Jews for Palestine’, and ‘Jews against Zionism’ are then, all simply different exercises in a Jewish national and tribal politics that is also racially orientated, or, at the very least ethno centric. For some reason ‘Political Jews’ do not like to mix with others, whether it is the Likud party, ‘Yisrael Beiteinu or ‘Jews for Peace in Palestine’...

... For some peculiar reason, the Jewish left refuses to intermingle within the rest of the solidarity movement. Instead of grasping, once and for all, the true dynamic meaning of universalism, pluralism and ethics, it is there to exchange symbolism. ‘We want to show’, they seem to be saying, ‘that there are some good Jews around’.

I guess however, that Jewish leftists are too intellectually lame to grasp that such a statement is actually the ultimate form of anti Jewish racism : because it says to the world that ‘the rest of the Jews’ are indeed, little more than reactionary Zionists.

It refers to ‘the rest of the Jews’ then, as a non ethical collective...

T:I:S, 12. Oktober 2010. Siehe auch das SteinbergRecherche-Interview mit Gilad Atzmon, Suche nach Identität und Holocaust von Gilad Atzmon

URL dieses Beitrags: http://www.steinbergrecherche.com/schnipsel.htm#IX  

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VIII 

In der Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik vom April 2007 unter dem Titel 

Universalismus, Selbsthass oder jüdischer Antisemitismus
Der Streit um die richtige Solidarität mit Israel 

definiert Micha Brumlik heutiges Judentum überwiegend ethnisch und institutionell. Verschiedenen Gegnern der israelischen Staats- und Regierungspolitik, zum Beispiel Alfred Grosser und Eric Hobsbawm, schreibt er auf dieser Basis „abgeschwächte(.) Zugehörigkeitsempfindungen“ zum Judentum zu.

Rolf Verleger und den anderen jüdischen Erstunterzeichnern der Berliner Erklärung Schalom 5767 unterstellt er, „mit einer erklärtermaßen antisemitischen Partei teilweise gemeinsame Sache zu machen oder den Antisemitismus der Hamas zumindest billigend in Kauf zu nehmen“.

Auch nimmt Brumlik offenbar die Kommerzpresse-Wiedergabe der Äußerungen Ahmadinedschads über das Verschwinden des jüdischen Staates und die Herausbildung eines Mythos über den Holocaust für bare Münze und unterstellt in einem Atemzug dem Iran die Absicht, Israel atomar zu vernichten:

Die Gereiztheit der «innerjüdischen» Debatte dürfte sich aber vor allem daraus erklären, dass der Staat Israel durch die Entwicklung des iranischen Atomprogramms, begleitet von den Drohungen nicht nur Präsident Ahmadinedschads, derzeit der einzige Staat auf der Welt ist, der von einem atomaren Holocaust bedroht ist. Der Hinweis darauf, dass Ahmadinedschads Drohungen nicht ernst gemeint seien, dass es bis zur möglichen Fertigstellung von iranischen Atombomben noch fünf Jahre dauern könnte und dass ein atomarer Angriff Irans auf Israel allen Kriterien politischer Vernunft widerspreche, beruhigt innerhalb der jüdischen Gemeinschaft im Ganzen kaum. Auch Adolf Hitler raunte schon 1933 vom Untergang der Juden und schließlich hat der Holocaust schon alleine deshalb, weil er tatsächlich stattgefunden hat, bewiesen, dass derlei im Grundsatz immer wieder möglich ist.

Und schließlich stellt Brumlik einen Präventivkrieg gegen den Iran in Aussicht.

Einen zweiten Genozid - und sei er «nur» auf Israels Bevölkerung beschränkt, deren Territorium nicht größer als Hessen ist - wird es 75 Jahre nach Befreiung der Konzentrationslager mit Sicherheit nicht geben, weil weder der jüdische Staat noch seine Parteigänger (jüdische und nichtjüdische) weltweit bereit sein werden, einer solchen Entwicklung tatenlos zuzusehen. Auch die düstere Vision von Benny Morris [Der zweite Holocaust. In: Die Welt, 6. Januar 2007, T:I:S] ist als Warnruf zu verstehen, und zwar so, dass es - wenn diplomatische Mittel in den nächsten Jahren nichts ausrichten - schließlich zur militärischen Zerstörung der iranischen Atomanlagen kommen wird.(1) 

Rolf Verleger und Michal Bodemann antworteten Brumlik in der Maiausgabe 2007 der Blätter. 

Verleger weist den Rückgriff Brumliks auf jüdische Ethnizität als Religionsersatz zurück: 

Die Abschaffung der Religion mag ihre Rechtfertigung finden in unserem Zeitalter der Aufklärung. Jedoch blau-weiße Fähnchen schwenken, die „Ethnie“ feiern und das Verhältnis zum Judentum verwaltungstechnisch über die Nähe zu „Institutionen“ definieren: Das ist ein zu billiger Ersatz für die brüchig gewordene jüdische Identität. Das Loben von Institutionen mag eine gute preußische Tradition sein, ersetzt aber keine Inhalte. Nationalismus jedenfalls hat schon andere Völker in den Abgrund geführt. Auf diesem Weg zum Abgrund ist Israel schon kräftig vorangeschritten und nimmt die wegen ihrer Identitätsprobleme in kritikloser Solidarität verharrrende jüdische Gemeinschaft mit. 

Außerdem rechtfertigt Verleger die Forderung, den Boykott der palästinensischen Autonomiebehörde zu beenden, mit dem Verweis auf den Friedensschluß zwischen Kriegsparteien, die sich jahrzehntelang gehaßt haben.  

Michal Bodemann weist Brumliks Versuch, Juden unterschiedliche Grade von Jüdischkeit zuzuordnen, zurück, und, ebenso wie Verleger, die Ablehnung von Verhandlungen mit dem Gegner: 

Ich meine, halbwegs gut informiert zu sein und mache mir über die Hamas keine Illusionen. Doch radikalen Hass und Terror können wir nicht durch noch mehr Repression, sondern ganz realpolitisch nur durch Miteinander-Reden überwinden. Israelische Regierungen hatten ja schon längst inoffizielle Kanäle zur Hamas; Gespräche mit dem vernichtungswilligen Syrien sollten vernünftigerweise vor kurzem von israelischer Seite auch wieder beginnen, wurden dann aber bekanntlich auf Geheiß der amerikanischen Regierung unterbunden. In der Diaspora soll nun also nicht möglich sein, das anzuregen, was in Israel längst schon an der Tagesordnung ist?(3) 

Matthias Jochheim antwortete Brumlik ebenfalls, unter dem Titel „Bellizismus als Solidarität?“. Leider weiß ich nicht, was er geschrieben hat, denn ich fand den Beitrag nicht im Netz. Aber Richtigstellungen der bellizistischen Fälschungen der Ahmadinedschad-Zitate finden sich unter Judäophobie. Und gegen Präventivkriegsbefürwortung helfen letztlich ohnehin keine Identitätsdebatten, sondern nur Handschellen.

T:I:S, 30. September 2007

Anmerkungen: (1) Siehe Jüdischen Zeitung  (2) Siehe Kritische Tiermedizin  (3) Siehe Kritische Tiermedizin. Völlig anderer Ansicht über jüdische Identität, als hier vertreten, ist Gilad Atzmon.

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VII

Bertell Ollman erklärt seinen Austritt aus dem jüdischen Volk. Letter of Resignation from the Jewish People: a Critique of Zionism as Nationalism, Tikkun (Jan./Feb., 2005).  Dialectical Marxism. The Writings of Bertell Ollman. Reprinted in Turkey – and France: Lettre de démission du Peuple Juif. Par Bertell Ollman. 1ère partie ; 2ème partie.  T:I:S, 7. Juli 2007

Siehe auch Jüdische Identität; zu Henryk Broder vor bald 25 Jahren über jüdische Identität, zu Norman Paech und Micha Brumlik siehe auch Moishe Postone, T:I:S, 18. Juni 2007

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VI 

"Die Erkenntnis, dass wir alle viele verschiedene Identitäten haben können und tatsächlich haben, die an verschiedene wichtige Gruppen geknüpft sind, denen wir gleichzeitig angehören, erscheint manchen kompliziert. Dabei handelt es sich um eine ganz gewöhnliche und elementare Erkenntnis. Im normalen Leben sehen wir uns als Mitglieder einer Vielzahl von Gruppen, denen allen wir angehören.

Dass eine Person eine Frau ist, steht nicht im Widerspruch dazu, dass sie Vegetarierin ist, was wiederum nicht dagegen spricht, dass sie Anwältin ist, was sie nicht daran hindert, eine Jazzliebhaberin zu sein oder eine Heterosexuelle oder eine Verfechterin der Rechte von Schwulen und Lesben. Jeder Mensch gehört zu vielen verschiedenen Gruppen (ohne dass dies irgendwie ein Widerspruch wäre), und jedes dieser Kollektive, denen allen der Betreffende angehört, verleiht ihm eine potenzielle Identität, die je nach Kontext sehr wichtig sein kann. 

Falsche Beschreibungen und falsche Vorstellungen können die Welt zerbrechlicher machen, als sie sein müsste. Nicht nur, dass die Annahme einer singulären Klassifikation unhaltbar ist - eine weitere Schwäche der Kultur-Theorie besteht darin, dass sie die Verschiedenheiten innerhalb der benannten Kulturen ignoriert und über die ausgedehnten Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen Kulturen hinwegsieht." 

Amartya Sen: Der Missbrauch der Kulturen. Identität als Falle. Le Monde diplomatique, Februar 2007

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V

"Um politisch zu handeln, müssen Menschen sich mit einer kollektiven Identität identifizieren können, die ihnen eine aufwertende Vorstellung ihrer selbst anbietet", meint Chantal Mouffe. Aber warum, zum Teufel, sollten Menschen das Angebot einer aufwertenden Vorstellung ihrer selbst denn annehmen? Und sich dann mit einer Identität identifizieren? "Chantal Mouffe ist eine der wichtigen Stimmen in der linken Theoriebildung", schreibt die taz; daraus soll die Leserin wohl schließen: links = balla balla.

T:I:S, 2. April 2007

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IV

Nun erheben sich aber jüdische Stimmen, für die Judentum nicht automatisch Unterstützung der israelischen Politik bedeutet. Oder die in der gegenwärtigen Situation Kritik sogar als die bessere Unterstützung des Landes verstehen. Und sie bieten dem Vorwurf des Nestbeschmutzers die Stirn. 

Dazu findet sich der vielleicht interessanteste Punkt des britischen Manifests: Die Unterzeichner sprechen von sich nicht nur als "Gruppe von Juden", sondern fügen sofort hinzu, worin ihre Gemeinsamkeit besteht: "Wir sind eine Gruppe von Juden (…) gemeinsam ist uns eine starke Verpflichtung gegenüber sozialer Gerechtigkeit und den universellen Menschenrechten." Sie berufen sich also auf eine weitere Gemeinsamkeit als ihr bloßes Judentum. Oder besser gesagt: Diese Gemeinsamkeit kommt nicht zu ihrer jüdischen Identität hinzu, sondern ist vielmehr die Art, wie sie ihr Judentum verstehen: als Unterstützer der "universellen Freiheit, der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit".

Isolde Charim, taz

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III

Die ganze Frage der Identität macht mich wild, konfus, unglücklich.  

Fritz Stern, NZZ

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II

Searching for Identity is not a genuine search into the notion of one’s authentic self. Identity politics aim at setting measures of Identification, it sets categories of belonging, it demands recognition and it opposes any form of authenticity or real self. It prefers gathering and grouping rather than meditation on the self. In fact, people who possess a genuine notion of a real self do not crave the acceptance of any community, neither Jewish nor any other. People with real self are recognised for who they are rather than accepted for what they claim to be. 

Gilad Atzmon: Between the Shtetl and the Big City. One Hundred Years of Jewish Solitude. CounterPunch

Die Suche nach Identität ist keine wahre Suche nach dem authentischen Selbst. Identitätspolitik zielt darauf ab Massnahmen zur Identifizierung zu ergreifen, sie stellt Zugehörigkeitskategorien auf, sie verlangt nach Anerkennung und sie widersetzt sich jeder Art von Authentizität und wahrem Selbst. Sie bevorzugt Zusammenkünfte und Gruppendynamik der Meditation vor dem Selbst. Tatsächlich sehnen sich Menschen, die einen wahren Bezug zu ihrem wahren Ich haben, nicht nach der Akzeptanz durch irgendeine Gemeinde, weder der jüdischen noch einer anderen. Menschen mit einem wahren Selbst werden für das anerkannt was sie sind, anstatt für das anerkannt zu werden was sie zu sein behaupten.

Gilad Atzmon: Zwischen Schtetl und Grossstadt. Einhundert Jahre jüdische Einsamkeit.  20./21. Januar 2007. Übersetzt von Eva-Luise Hirschmugl. Tlaxcala . Siehe auch Holocaust

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I

Weil der Bürger auf der Suche nach seiner Identität, auf dem Weg in sein Inneres, schon deshalb nicht weit kommt, weil dieses nicht tiefer ist als eine Pfütze, weitet er die persönliche zur nationalen Identität aus. Das triviale Geschäft, den anderen zu übervorteilen, wird außerhalb der Landesgrenzen heroisch: Endlich kann man tun, was man sich schon immer gewünscht hat: den anderen erschlagen. Der Bürger fühlte sich denn auch aufs äußerste provoziert, als die Oktoberrevolution mit Weltfrieden drohte. Und so lautete die Antwort: Weltkrieg. Schnell war ein Führer gefunden, der nur eines glaubwürdig versichern mußte: daß er um jeden Preis Krieg wollte. Das Pech: die ausländische Konkurrenz. 

Michael Scharang: Abgrenzungswahn und Mordgier. Über das Geschwätz von der Identität. Konkret 9/92, S. 42-44 

T:I:S,  2007

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