Marc Thörner

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Marc Thörner 

Zur westlichen Strategie gegen die Afghanen

Die Strategie ähnelt der der Franzosen in Nordafrika Anfang des vorigen Jahrhunderts.

Bericht, Interview, Rezension bei German Foreign Policy, T:I:S, 26. März 2010. Siehe auch Mohn in Afghanistan

URL dieses Beitrags: http://www.steinbergrecherche.com/08thoerner.htm#Strategie

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Marc Thörner

"Unsere besten Kunden sind die Taliban"

Eine ernüchternde Bilanz des offiziell erfolgreichen deutschen ISAF-Einsatzes

 Deutschlandfunk, Hintergrund, 16. Oktober 2008, 18.40 Uhr

Auszüge und Verweise

Der Opiumanbau in Nordafghanistan ist also weitgehend gestoppt. So der Sprecher des afghanischen Innenministers und auch die deutsche Regierung. Was sie nicht sagen, was indes ein junger, afghanischer Journalist im Auftrag seines Arbeitgebers, der renommierten und unabhängigen Nachrichtenagentur "Institute for War and Peace Reporting" recherchiert hat: Das Gebiet, das dem deutschen Regionalkommando untersteht, hat sich inzwischen zur größten Drehscheibe des Opium- und Waffenschmuggels entwickelt. Und das gilt insbesondere für Badakshan - laut afghanischem Innenministerium ist das die Provinz, in der vorbildlich gegen die Drogen angegangen wurde.

Das erwähnte Institute for War and Peace Reporting wird von der britischen, der US-amerikanischen und einigen anderen westlichen Regierungen und unter anderm von der Soros-Stiftung finanziert. In seriösen Journalismus wie den von Thörner erwähnten eingebettet sind allerdings offenbar gezielte Falschmeldungen. T:I:S

Drogenbekämpfung also mithilfe derjenigen, die vom Drogenhandel profitieren? Der junge afghanische Journalist Yaqoub Ibrahimi vom "Institute for War and Peace Reporting" bestätigt diese Analyse. 

Siehe Mohn in Afghanistan, T:I:S

Auch Niels Annen, Mitglied im SPD-Parteivorstand und im Auswärtigen Ausschuss des deutschen Bundestages, ist gerade von einer Recherche-Reise durch Afghanistan zurückgekommen...

"Weil die örtlichen Ansprechpartner, auch der Gouverneur beispielsweise von Mazar-e-Sharif, der Provinz Balkh, jemand ist, der sicherlich ein zuverlässiger Gesprächspartner für die deutsche Politik insgesamt ist, der auch in seiner Provinz für afghanische Verhältnisse für Ruhe und Ordnung sorgt, aber auch ein Mudschaheddin-Führer, ein Warlord, der sicher nicht nur eine weiße Weste hat. Also westeuropäische Maßstäbe darf man in Afghanistan sicherlich nicht anwenden ... Aber mit diesem Problem sind Sie in Afghanistan überall konfrontiert ..."

Niels Annen wäre gern für Frieden, stimmt im Bundestag aber immer für Krieg, siehe Niels Annen, Hamburg-Eimsbüttel, T:I:S

Die Drogenschmuggler werden vom deutschen Regionalkommando aus, im Norden Afghanistans, weiter ihr Heroin in die ganze Welt schmuggeln; die Taliban werden hier weiter Heroin gegen Waffen eintauschen; Bewaffnete werden weiter das Büro des Journalisten Yaqub Ibrahimi heimsuchen. Sein Bruder wird weiter wegen Gotteslästerung im Gefängnis sitzen. Und Niels Annen wird weiter über die "andere" afghanische Gedankenwelt sprechen und sich für die Zusammenarbeit mit den afghanischen Provinzmachthabern aussprechen.   

T:I:S, 17. Oktober 2008 

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Thomas Immanuel Steinberg

Der falsche Bart

Rezension

Den Sommer 1966 verbrachte ich in Tunesien, nicht als Tourist in einem Steigenberger-Hotel, sondern als Praktikant ohne Arbeitspensum. Das hieß: Ich schaute morgens in die Firma und konnte mich gleich wieder verdrücken, mit der kleinen weißen Straßenbahn an den Strand von Sidi Bou Saïd oder La Goulette; oder den Zug nehmen, nach Süden in Richtung Gabès oder nach Bizerta im Norden, für ein langes Wochenende.

Tunesien in seiner Blütezeit 

Das Land war unter dem aufgeklärten Monarchen Bourguiba erwacht. Tunis machte kulturelle Luftsprünge in alle Weltrichtungen und sprudelte vor intellektuellen Abenteuern. (1) In Sousse oder Matmata sprachen alle Jungen und manche Mädchen Französisch, wenn sie fünfzehn Lenze zählten oder weniger. Die älteren hatten unter französischer Herrschaft deren Sprache nicht lernen können: Erst die Revolution unter Bourguibas Führung öffnete den Tunesiern die Tore zu Bildung und Reichtum.

Tunesien: weder Französisch, noch Arabisch

Sechsunddreißig Jahre später, 2002, besuchte ich Tunis erneut, ich träumte von einem frankophonen Wintersitz. Doch die Leute sprachen oft schlecht Französisch. Arabisch sei angesagt, erklärte mir eine junge Buchhändlerin an der Avenue Bourguiba, der westlich anmutenden Prachtstraße der Hauptstadt. Ihr arabisches Buchangebot allerdings war klein und, wie sie sagte, in schlechtem Arabisch geschrieben. Lehrreiche oder unterhaltsame arabische Bücher würden in Beirut erscheinen, im Libanon; doch sie gelangten kaum nach Tunesien. Auch französische Bücher, vor allem politische, würden öfter nicht hereinkommen. 

Ben Ali, Freund des Westens

Ihre Erklärung hieß Ben Ali, Zine el-Abidine Ben Ali, der seit 1987 ein Terrorregime über Tunesien ausübt, ein Regime von Frankreichs und Deutschlands Gnaden. (2) Überall in Tunis trödelten junge Männer herum in kurzen Lederjacken und Schuhen für schnelle Spurts, denen niemand freiwillig zu nahe trat: Zivilpolizisten. Ihr Kampf gelte den Islamisten. "Wir mögen es ruhig in Tunesien", behauptete mein Hotelwirt, "Ben Ali sorgt dafür". 

Eine Friedhofsruhe, hergestellt durch Zensur, Spitzelwesen, Korruption, Folter und politischen Mord; nicht bloß geduldet, sondern vom Westen gepriesen als Zeichen des Sieges über den Terror den islamistischen. 

Tunesien: Kaum organisierter Islamismus

Der gelernte Islamwissenschaftler und ARD-Rundfunkjournalist Marc Thörner war vor kurzem in Tunesien. In einer seiner "Reportagen aus dem Krieg gegen den Terror" unter dem treffenden Titel "Der falsche Bart" (3) beschreibt er die Zivilpolizisten ganz ebenso, wie ich sie fünf Jahre zuvor erlebt hatte. Mit dem falschen Bart einer vermeintlichen islamistischen Bedrohung rechtfertige Präsident Ben Ali seit 20 Jahren sein autoritäres Regime: Der politisch organisierte Islamismus spiele in Tunesien kaum eine Rolle. In Wirklichkeit gehe Ben Ali gegen die Demokratie vor. Die Folge sei ein Überwachungsstaat, wie er im Maghreb seinesgleichen suche. Ein latenter Islamismus, der sich unter Jugendlichen ausbreite, werde mitunter vom Staat geschürt, weil er sich als Waffe gegen die Demokratie verwenden lasse.

Der marokkanische Zauberbesen 

Thörners Gespräche mit Tunesiern, seine Zitate aus Folterberichten, die Angaben über westliche Polizei- und Militärhilfe ergeben ein schauerliches Bild des von der Natur gesegneten und einst multikulturellen Landes. Als etwas weniger bedrückend schildert Thörner die Lage des Königreichs Marokko, ebenfalls von den Herrschern des Westens geschätzt: Das dortige, seit langem etablierte   islamische System sei 

genial erdacht und auf die Zukunft angelegt. Die Marokkaner ... liefern durch ihr ewiges Mittelalter erschlafften Europäern Inspiration; etwas, woran das europäische Selbstbewusstsein sich schärfen lässt. Europa behält das Monopol auf die Moderne. Und wenn die Muslime dann mal später etwas brauchen, später, wenn sie, wie es die Mode ist, mal unabhängig geworden sein sollten, Waffen, Bagger, Stahlbeton, Autos oder Eisenbahnen – bitte: die Adressen unserer Firmen stehen im Pariser Telefonbuch.

In den 70er Jahren machte Scheich Yassin, ein Sufi-Guru und Islamist, dem König Hassan II., dem Vorgänger des jetzigen Königs Mohammed VI., die Rolle als "Führer der Gläubigen" streitig. Hassan II.

reagierte mit einem Schachzug, der sich genial ausnahm. Er legte ein islamistisches Gegenfeuer an. Die Regierung unterstützte in Saudi-Arabien ausgebildete, wahabitisch inspirierte Prediger dabei, erzkonservative Koranhochschulen zu eröffnen, die den Sufismus Yassins als unislamisch verdammten. 

Doch ganz ungeplant radikalisierten sich die Koranschüler. Der Zauberbesen kehrte bald in Gegenrichtung. Am vorläufigen "Ende der Entwicklung", so Thörner, "stehen die jugendlichen Selbstmordattentäter aus den Bidonvilles."

The Greater Middle East 

Durch seine lebendig geschriebenen weiteren Reportagen über Algerien, Ägypten, den Irak (als ein bei der US-Army "eingebetteter" Journalist), über Afghanistan und Pakistan zieht sich "der falsche Bart" wie ein blutroter Strick: Im Greater Middle East spannen die Herrschenden den Islamismus für die Unterdrückung ihrer Völker ein. Doch gerade

die gemäßigten Staaten sind alles andere als gemäßigt. Ihre Diktatoren bekämpfen nicht den islamischen Extremismus, sie unterstützen ihn. Unter diesem Vorwand, den Islamismus zu bekämpfen, verschaffen sie sich westliche Mittel, Hilfsgelder, militärische Unterstützung, wodurch sie ihre Bevölkerungen besser abschotten und unterdrücken können. Sie, die Mubaraks, Ben Alis, Mohammed VI., sind die Urheber des Terrors. Sie brauchen den islamischen Extremismus, um zu überleben. Sie unterstützen ihn direkt oder indirekt.

Marc Thörner hat auf seinen Reisen genau hingeschaut, Erkenntnisse von Historikern und Soziologen an passender Stelle eingefügt und seine Kernthese durch sorgfältige Recherche untermauert. Einen winzigen Fehler habe ich entdeckt: Le Monde diplomatique ist keine Wochen- sondern eine Monatszeitschrift.

T:I:S, 27. Dezember 2007 (4)

Anmerkungen

(1) Auf Anregung meines tunesischen Anleiters las ich abends Germaine Tillions Studie über Endogamie im Mittelmeerraum und die Texte von Albert Memmi über Kolonisateur und Kolonisierten. 

(2) siehe Nicolas Beau und Jean-Pierre Tuquoi: Notre ami Ben Ali. L'envers du " miracle tunisien". Préface de Gilles Perrault. Postface inédite des auteurs. Paris: Édition La Découverte & Syros 2002, 250 Seiten, 9 €

(3) Marc Thörner: Der falsche Bart. Reportagen aus dem Kreig gegen den Terror. Hamburg: Edition Nautilus 2007. 160 Seiten,  € (D) 13,90 / sFr 24,40

(4) Siehe auch: Auf den Straßen Arabiens. Die lebenswirkliche Vielfalt in Nordafrika ist größer, als jede Theorie wahrhaben will - Impressionen eines Flaneurs. Marko Martin in Der Welt über Tunesien und Oman im Vergleich. T:I:S, 8. Februar 2010

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